Orgeln

Neue Überlegungen ab 2007

Foto: Orgelbau Weimbs

Foto: Orgelbau Weimbs

Bereits ab 2003 gab es erste Überlegungen zu einem grundlegenden Umbau und im besten Falle Neubau einer Orgelanlage, die innerhalb der Kirchengemeinde aufgrund anderer wichtiger baulicher Projekte jedoch nicht vorrangig waren. Dabei lagen die Schwächen der „alten“ Doppelorgel auf der Hand: Die Platzierung des Spieltischs quasi mitten in der singenden Gemeinde, weit entfernt von beiden Orgeln, machte dem Organisten ein qualifiziertes Führen und Begleiten des Gemeindegesangs in der gut besetzten Kirche fast unmöglich. Der elektrische Spieltisch verhinderte zudem ein differenziertes Spiel speziell der barocken Literatur und auch das neobarocke Klangideal der sechziger Jahre vermochte nicht mehr zu überzeugen. Mittlerweile war die Orgel an vielen Stellen reparaturbedürftig, besonders die elektrische Spannung der Chororgel musste immer wieder überprüft werden.

2007 bescheinigte Eckhard Isenberg, Orgelsachverständiger des Erzbistums Köln, der Kirchengemeinde in einem Gutachten erhebliche technische und klangliche Mängel und kam ebenso wie die Landesdenkmalpflege zu dem Schluss, daß eine grundlegende Reparatur in keinem Verhältnis zu dem Ergebnis stehen würde und empfahl einen Neubau. Durch eine überraschende Großspende ermutigt, sah sich die Kirchengemeinde nun auch in der Lage das Projekt voranzutreiben. Der Kirchenvorstand beschloß den Orgelneubau, 2008 wurde der Orgelbauverein gegründet.
OSV Eckhard Isenberg und Kantor Michael Utz entwickelten ein neues Orgelkonzept für die Abteikirche.
Folgende Leitgedanken flossen in die Überlegungen ein:
* Es soll eine Orgelanlage entstehen, die der überregionalen architektonischen und kunstgeschichtlichen Bedeutung der Abteikirche im Kulturzentrum Abtei Brauweiler entspricht.
* In das prächtige barocke Gehäuse gehört eine Orgel (II/26) mit mechanischer Spiel- und Registertraktur, die technisch und klanglich an das beginnende 18. Jahrhundert angelehnt ist.
„Man soll hören was man sieht…“
* Die bestehende Chororgel über der rechten Chorschranke wird entfernt und durch einen Neubau mit deutsch-romantischer Disposition (II/34) ersetzt. Über den Standort der Chororgel ist noch nicht entschieden, er wird aber in räumlicher Nähe des Altarraums sein. Die Chororgel erhält einen fahrbaren Spieltisch, wodurch sich eine optimale Begleitung des 90köpfigen Abteichores und der anderen Ensembles, sowie des Gemeindegesangs ergibt.
* Beide Orgeln sollen eigenständig und nicht miteinander verbunden sein.

Die Kirchengemeinde beschloss das gesamte Projekt in zwei Bauabschnitte zu fassen und begann zunächst mit den Planungen zum Neubau der Barockorgel. Die Firmen Scholz (Mönchengladbach), Eule (Bautzen) und Weimbs (Hellenthal) erhielten die Ausschreibungsunterlagen. Nach eingehenden Beratungen mit dem Sachverständigen und den zuständigen Gremien der Kirchengemeinde erhielt die Firma Weimbs den Auftrag.

Die vorhandenen historischen Teile

Da die Oberfläche des Brauweiler Orgelprospekts stark verschmutzt war und sich die Fassungen (weiße Farbflächen und Polimentvergoldungen) teilweise lösten, wurde das Restaurationsatelier zur Mühle aus Rommerskirchen mit der Entstaubung und Reinigung der Oberfläche und der Festlegung gelockerter Fassungen beauftragt.
Die wenigen vorhandenen, historischen Innenpfeifen ( Gedackt 8`C-H und Oktave 4`C-H) wurden fachgerecht restauriert und wieder in der neuen Orgel eingebaut. Die genaue Herkunft der historischen Pfeifen war nicht eindeutig festzustellen. Sie stammen sehr wahrscheinlich aus verschiedenen Epochen, wobei aber auch nicht ausgeschlossen werden kann, dass es sich um historisierende Nachbauten handelt, da die Struktur des Tuches der Tuchgußpfeifen sehr industriell gewebt scheint.

Die neue Weimbs-Orgel

Eine strenge Rückführung der Orgel war, nicht zuletzt aus Gründen einer stark einschränkenden Praktikabilität, nicht erwünscht. Vielmehr sollte ein Neubau im historischen Stil angestrebt werden, in den die Erkenntnisse und Erfordernisse der heutigen Zeit berücksichtigt und eingearbeitet werden.
Dem Leitgedanken „Man soll hören was man sieht“ folgend, also Klang und Gehäuse nicht losgelöst voneinander betrachtend, orientierte sich die Disposition an den Orgeln im Rheinland im 18. Jahrhundert, wobei hier besonders die traditionsreiche Orgellandschaft der Familie König als Leitlinie genommen wurde.
Seit den 80er Jahren hat die Firma Weimbs eine große Zahl an bedeutenden Restaurierungen von Werken der König-Dynastie durchgeführt, zu denen unter anderem auch die große Orgel in der Basilika Steinfeld (1727) oder die bedeutende Orgel in der Schlosskirche zu Schleiden (1770) gehören. Neubauten im historischen Stil wie in Zeltingen-Rachtig, St. Marien (Gehäuse von König), Zell/Mosel, St. Peter (Gehäuse der Gebr. Stumm) oder Rheinberg,
St. Peter (Gehäuse der Gebr. Stumm) haben der Firma in der Fachwelt einen hervorragenden Ruf beschert.
Die gesamte Windanlage mit zwei großen Keilbälgen in historischer Machart wurde im Turmraum, der sog. Michaelskapelle, unmittelbar hinter der Orgel, oberhalb der 3 Rundbögen platziert.
Die Gestaltung der Spieltischanlage erfolgte in klassisch historischer Ausführung mit einem frontseitig mittig im Untergehäuse eingebauten Spieltisch, der in der Orgelbauwerkstatt in Hellenthal angefertigt wurde. Sämtliche Wippen, Rahmen und Winkelbalken wurden aus bestem Massivholz gefertigt. Bei den ersten Planungen wurde immer von einer seitenspieligen Lösung mit Spieltisch auf der linken Gehäuseseite ausgegangen, wie es auch historisch belegt ist. Da die Empore aber aus statischen Gründen nicht mit dem Innenleben der Orgel belastet werden darf, hat man, um für die nötige Stabilität zu sorgen, beim Bau der vorherigen Peter-Orgel Stahlträger im Mauerwerk verankert. Diese sollten nun laut Denkmalamt nicht entfernt werden, was eine seitenspielige Lösung erschwerte. Hinzu kam, daß das ursprüngliche angehängte Pedal in der neuen Disposition nun eigenständig war und der Umfang bis zum eingestrichenen f erweitert wurde.
Zunächst gab es deshalb Überlegungen das Untergehäuse derart zu verändern, daß die beiden äußeren der drei vorhandenen Türen verkleinert werden. Durch eine speziell entwickelte, unter der Pedalklaviatur untergebrachten Pedaltrakturumlenkung konnte dies jedoch vermieden werden. Durch diese Umlenkungsmechanik wurde nur die mittlere Gehäusetüre ausgehängt und der Spieltisch in diese Gehäuseöffnung eingepasst. Für die linke Seite, auf der der einmanualige elektrische Wartungs-Spieltisch der Vorgängerorgel angebracht war, wurde eine Tür in gleicher historischer Machart wie auf der gegenüberliegenden Seite gefertigt.
Die wesentliche Optik des Spieltisches, bestehend aus den Klaviaturen aus Ebenholz (die Beläge der Ganztöne wurden in Knochen und die Halbtöne in Ebenholz ausgeführt) und den Registerstaffeleien (Registerzüge ebenfalls aus Ebenholz mit separat handbeschrifteten Porzellanschilchen), orientiert sich an im Original vorhandenen Instrumenten der Orgelbaudynastie König in Steinfeld und Schleiden. Ebenfalls nach dem Vorbild von Schleiden wurde eine Nachtigallenstimme in die Orgel eingebaut.
Die Klaviaturteilung entspricht BDO-bzw. der Rieger`schen Teilung, die Pedalklaviatur ist einmal geschweift und passt sich so stilistisch gut an.
Die rein mechanischen Hängetrakturen verlaufen vom Spieltisch aus auf direktem Weg zu den Windladen und erhielten zusätzliche Trakturspanner mit Begleitabstrakten, die ein Cluster-Spiel bei der freischwingenden selbstregulierenden Mechanik ermöglichen.
Für eine ausreichende Windversorgung der Pfeifen im Baßbereich wurden mehrere Ventile benötigt und mit speziellen Balanciers versehen.
Die Mensuren der Pfeifen wurden speziell für den Brauweiler Kirchenraum errechnet und angelegt. Als Ausgangslage dienten die im Firmenarchiv enthaltenen König-Mensuren. Die Metallpfeifen wurden, ihrer späteren Klangverwendung entsprechend, aus unterschiedlich hochwertigen Zinn-Blei-Legierungen gefertigt, und variieren zwischen 84%igem (Prospekt) und 40%igem (gedeckte Register) Zinngehalt. Die speziell legierten Platten zur Herstellung der Metallpfeifen wurden in der firmeneigenen Pfeifenwerkstatt gefertigt. Der Orgelbauverein der Abteikirche Brauweiler e.V. besuchte im Mai 2012 mit einer großen Zahl von interessierten Mitgliedern die Werkstatt und hatte dabei sogar Gelegenheit, dem Pfeifenmacher beim Gießen des Orgelmetalls über die Schulter zu schauen.
Die Holzpfeifen wurden aus feinjährigem Fichten- und Eichenholz hergestellt; Vorschläge, Kerne, Füße und Stöpsel aus Eichenholz, die zum Teil in Holz ausgeführten Stiefel der Zungenpfeifen aus Kirschbaumholz, um eine eventuelle Oxydation der Kehlen und Zungenblätter zu verhindern.
Durch den Wunsch, mit dem Instrument möglichst vielseitig arbeiten zu können wurde eine historische Temperierung notwendig, mit der möglichst viele Tonarten spielbar sind. Die leicht ungleichschwebende Temperierung „Neidhardt für ein Dorf von 1732“ ermöglicht dieses, wobei der typische Klangcharakter einzelner Tonarten erhalten bleibt, was für die ältere Orgelmusik bis zur Barockzeit so wichtig ist. Dank der guten Akustik der Abteikirche ist der Orgelklang in allen Bereichen des Raumes transparent und präsent.
Nach vielen Jahrzehnten kann man nun endlich in Brauweiler wieder sagen: „Man hört was man sieht!“

Planung der neuen Chororgel

Der Orgelbauverein bleibt weiter aktiv. Direkt nach der Einweihung gingen die Überlegungen zum Bau der neuen deutsch-romantisch disponierten Chororgel in die konkrete Phase.
Von den renommierten Orgelbaufirmen Winterhalter, Rieger, Weimbs, Mayer und Eule wurden Angebote eingeholt. Besonders intensiv waren jedoch mit den Verantwortlichen vor Ort, dem Erzbistum Köln und der Denkmalpflege die Diskussionen um Standort und Größe der Chororgel. Letztlich entschied man sich für eine zweiseitige, mit Stahlträgern an der Decke hängende Lösung auf der jeweiligen Westseite rechts und links der Vierung. So bleiben die Gehäuse vom Mittelschiff aus fast nicht sichtbar. Die Orgel wird von einem fahrbaren dreimanualigen Spieltisch aus angespielt. Dadurch ist eine große Flexibilität einerseits beim Begleiten und Leiten der Ensembles in der Liturgie, andererseits ein attraktives „Präsentieren“ der Orgelwerke im Konzert möglich.
Die Firma Eule aus Bautzen erhielt den Auftrag, die Disposition orientiert sich am deutsch-romantischen Klangbild. Die Einweihung der Chororgel ist für Ostern 2018 geplant. In der Zukunft ist dann die Interpretation von frühester bis zur aktuellen Orgelmusik möglich, ein Anliegen, dem die seit vielen Jahren bestehende internationale Konzertreihe der Kirche Rechnung tragen wird.

Michael Utz